Merkwürdiges Finnland

Finnland – Land der tausend Seen. Mal ehrlich, viel mehr wissen die meisten in Mitteleuropa nicht über das Land zwischen Ostsee und Polarkreis. Vielleicht noch, dass in Rovaniemi der Weihnachtsmann sein Zuhause haben soll. Zwei Wochen im Süden des Landes lassen einen längst nicht zum Finnlandkenner werden, aber man gewinnt interessante Einblicke. Hier ein paar erste Eindrücke aus dem Sommer des Jahres 2008, es werden weitere folgen. Wobei der Titel der Reportage durchaus doppeldeutig zu verstehen ist, denn man sieht und erlebt in Finnland vieles, was des Merkens würdig ist.

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Fähren verbinden die vielen Inseln der Schärenringstraße vor Turku

I.

„Dobre Djen!“ – Guten Tag – Das war nicht finnisch. Das war russisch. Wir bleiben erst mal beim in Finnland wie in den anderen Nordländern gebräuchlichen Hej, obwohl Finnland nicht Skandinavien, aber aufgrund seiner jahrhundertelangen schwedischen Vergangenheit eben auch skandinavisch ist; und wir schauen uns die Taschen in dem Lederwarengeschäft an. Warum spricht die Verkäuferin uns russisch an?

Es dauert einige Zeit, ehe klar wird: Hier in Lappeenranta ist die russische Grenze nicht weit. Das vor 1941 noch finnische Städtchen Vyborg liegt weniger als 50 Kilometer entfernt, St. Petersburg nur 150 Kilometer.

Das Verhältnis zwischen Finnen und Russen scheint völlig entspannt. Obwohl die beide Völker seit 200 Jahren eine sehr wechselvolle Geschichte verbindet. Finnland war russisches Großfürstentum. Lenins Bolschewiki unterstützen die Roten in Finnland während des Bürgerkrieges, ehe deutsche Truppen den Weißen halfen und ihnen Übergewicht und Sieg verliehen. Während der Zeit des Zweiten Weltkrieges lagen Finnen und Russen beziehungsweise die Sowjetunion miteinander wieder im Krieg. Erst als Finnlands legendärer Präsident Urho Kekkonen zum Schrecken des Westens einen Freundschaftsvertrag mit der Sowjetunion unterzeichnete, normalisierten sich die Beziehungen zwischen beiden Völkern.

Und heute? An der finnisch-russischen Grenze stauen sich die Lastwagen auf mehr als zehn Kilometer zwischen Virojoki und Vaalimaa. Und gesondert auf der 50 Kilometer nördlich parallel laufenden Straße zwischen Lappeenranta und Imatra reihen sich zusätzlich die Autotransporter. Rund 200, beladen mit jeweils fünf und sechs Autos, warten auf das Zeichen zur nächtlichen Grenzabfertigung und Überfahrt nach Russland. Vermutlich sind es noch viel mehr, die Tag für Tag Autos aus Hangö und Kotka holen, wo in den riesigen Hafenarealen tausende fabrikneue Autos stehen. Wie die Lastwagenfahrer steuern müssen, steht sogar auf Russisch auf den Straßenschildern.

In den anderen Läden des Einkaufzentrums inmitten der Stadt Lappeenranta wird es später deutlich: Mit Russisch sind die Verkäuferinnen ganz gut beraten. Russen bringen Umsatz in das kleine Städtchen. Vom Laufschuh bis zu den Dessous wird alles eingekauft, natürlich vorwiegend in den Läden mit dem Tax-free-Schild. Denn die Mehrwertsteuer gibt es an der Grenze zurück. Das macht für die Russen das Einkaufen noch einmal billiger und außerdem gibt es hier alles zu normalen, finnischen Preisen, die – selbst gemessen an deutschen Rabattpreisen – im Sommerschlussverkauf, auf den hier das Wort „Ale“ aufmerksam macht, nicht zu verachten sind. Der karelische Landstrich profitiert von den St. Petersburgern.

Russisch angesprochen zu werden, ist in Lappeenranta vielleicht sogar ein Privileg. Also verabschieden wir uns aus dem Lederwarengeschäft zwar ohne Einkauf, aber mit einem freundlichen „Doswidanija!“ – Auf Wiedersehen – Und ernten ein „Hej, hej!“

II.

Der Disput in finnischer Sprache lässt nichts Gutes ahnen. Der Mann von der Fährbesatzung in Mossala hat am einen Ohr ein Handy, das andere leiht er gerade den beiden Besitzern der Oldtimer, die wie wir weiter auf der Schärenringstraße vor Turku fahren wollen. Mal spricht der Fährmann ins Mobiltelefon, mal zu den beiden Autofahrern. So lange, bis die sich abwenden. Die Fähre ist voll, es passt kein Auto mehr drauf. Noch hoffen ich und der Norweger neben mir, dass das das Hauptübel ist.

Gut 120 Kilometer haben wir auf dem südlichen Abschnitt der in den Touristikführern seit einigen Jahre gepriesenen Schärenringstraße seit Turku zurückgelegt. Etwa 100 Kilometer liegen vor uns.

Die Schäreninseln reihen sich zwischen Turku und den Alandinseln wie ein Ring auf. Irgendein Genie hat heraus gefunden, dass mit acht Fährverbindungen zwischen fünf Minuten und einer Stunde sowie einigen Brücken und 200 Kilometern Straße eine attraktive Verbindung über die Inseln geschaffen werden kann. Eine Tour, die man durchaus an einem Tag bewältigen kann.

Dabei passiert man sehenswerte Orte wie Nagu oder Parainen – der historische Stadtkern liegt auf einer Insel-, kann Halt machen an felsiger Küste bei Korpoo, in einem idyllisch gelegenen Restaurant an der Marina essen oder Kaffee trinken. Baden gehen ist ebenso möglich, auch wenn die Temperatur des Wassers in diesem Teil der Ostsee im Juli und trotz der 25 Grad Außentemperatur nicht über 14 Grad hinaus geht.

Die Tourismusführer haben ganz und gar nicht übertrieben mit der Beschreibung der landschaftlichen Reize auf den Schäreninseln. Und man freut sich nach etwas mehr als der Hälfte der Strecke auf das, was noch vor einem liegt.

Also frage ich denn mutig: „Which time goes the next ferry?“ – Wann fährt die nächste Fähre? – Und der Norweger neben mir nickt hoffnungsvoll. Und der Fährmann antwortet: „I’m sorry, the next boat comes tomorrow!“ – Das nächste Boot kommt morgen. – Es ist 16 Uhr.

Sachen zum Übernachten haben wir nicht mit. Und wo auch? Auf der kleinen Insel scheint nichts zu sein, wo man die Nacht verbringen könnte. Das riecht nach Rückzug. Aber was ist auf dem Rückweg mit den Fähren? Der Finne vom voll besetzten und zum Ablegen bereiten Schiff hebt beruhigend die Hände und sagt auf Englisch, dass diese Fähren rückzu bis weit in den Abend hinein fahren.

Weder der Norweger noch ich glauben so recht daran, und wir machen uns schleunigst auf den Weg zurück in Richtung Süden. Und registrieren noch jede Menge Fahrzeuge, die jenem Punkt zustreben, wo eben das letzte Fährschiff dieses Tages in Richtung Norden abgelegt hat.

Nach einigen Straßenkilometern und zwei kurzen problemlosen Fährfahrten sind wir um 16.50 Uhr an der Anlegestelle von Kittuis. Durchatmen! Später hätte wir nicht kommen dürfen, denn um 17 Uhr tritt an diesem Tag die letzte Fähre ihren 35-minütigen Weg nach Galtby an. Das war knapp.

Während der Überfahrt kommen uns noch zwei außerplanmäßige Fähren entgegen. Immerhin hat es sich in der Fährgesellschaft herumgesprochen, dass da einige gestrandet waren, weil kein Tourismusführer darüber schreibt, dass irgendwo auf halber Strecke um 16 Uhr Schluss ist mit der Tour auf der wunderschönen Schärenringstraße.

Wenigstens beschert uns der Abend noch ein Wiedersehen mit Nagu, wo wir schon am Vormittag, noch völlig unhungrig, auf die Pizzas geschielt hatten und nur vermuten konnten, dass sie vielleicht auch prima schmecken. Sie haben geschmacklich gehalten, was sie optisch versprachen.

III.

Knapp 300 Kilometer östlich von Helsinki liegt die kleine karelische Stadt Imatra nahe der russischen Grenze. Touristen lockt das Städtchen mit einer Attraktion, die man zwanzig Minuten lang am Tag bewundern kann. Und auch das nur im Sommer – die Stromschnelle von Imatra. Der Fluss Vuoksi zwängte sich hier einst durch eine enge Felsenschlucht. Mit dem Bau des Wasserkraftwerkes und des Stausees bei Imatra in den 1920er Jahren wurden die Stromschnellen trocken.

Es ist kurz vor 19 Uhr. Nahe der Bogenbrücke über die felsige Schlucht ist kaum noch ein Parkplatz zu finden. Mehrere hundert Menschen haben sich schon auf dem Flussübergang versammelt. Links und rechts der Schlucht stehen sie in langen Reihen und warten auf das Schauspiel. Quer über die Schlucht, parallel zur Brücke sind Drahtseile gespannt. Vor allem Kinder und Jugendliche nutzen hier für ein paar Euro die Chance, sicher angeseilt über die Schlucht zu gleiten.

Pünktlich um 19 Uhr schweben die erste Töne über die Schlucht, immer lauter werdend. Musik von Finnlands Nationalkomponisten Jean Sibelius klingt aus den Lautsprechern. Die Blicke der Zuschauer sind auf die schweren Schotte in der Staumauer gerichtet, die unmerklich ein kleines Stück gehoben werden. Schaumig-weißes Wasser sprudelt unter den Schotts hervor, gurgelt um die ersten Felsblöcke, füllt nach und nach die Schlucht bis es ein reißender Strom wird, der durch den einige hundert Meter langen Canyon tost.

Tausende Fotos werden geschossen. Die Menge ist von dem Schauspiel begeistert, klatscht Beifall. An der Staumauer versiegt nach und nach der Zufluss in die Schlucht. Der Wasserstand fällt, das Gurgeln der Fluten wird leiser, die aufspritzende Gischt an den Felsenkanten weniger, das Wasser fließt ab in den Unterlauf des Vuoksi, die Musik wird leiser und erstirbt schließlich. Nach und nach löst sich die Menschenansammlung auf, das Bett der Stromschnellen liegt wenige Minuten später wieder fast komplett ausgetrocknet unter der Brücke.

IV.

Finnland hat Verkehrslösungen für Verkehrsprobleme, die das Land wohl nie haben wird. Zumindest im Süden gewinnt man den Eindruck, angesichts vierspuriger Autobahnen mit gut ausgebauten Kreuzen. Egal zu welcher Tageszeit man fährt, für den, der deutsche Verkehrsverhältnisse kennt, hat es immer den Anschein, als ob es am Vormittag des Neujahrsmorgens ist. Selbst dort, wo es keine Autobahn gibt, sind die Hauptstraßen nicht gerade üppig befahren.

Selbst in der Hauptstadt Helsinki kommt man mit dem Auto ziemlich zügig voran, abgesehen vielleicht von einigen engen Stadtzentrumsstraßen. Was einen dennoch daran hindern könnte, das Auto in Helsinki zu nutzen, wäre schon eher der Mangel an Parkplätzen. Außerdem lohnt es sich wenigstens für den Touristen nicht, denn mit sechs Euro (Stand Sommer 2008) kann man eine Tageskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel erwerben und 24 Stunden unterwegs sein mit Straßenbahn und Bus. Sogar mit dem Schiff. Denn die Fährverbindung nach Suomenlinna (Finnlandburg) oder Sveaborg (Schwedenburg), wie es auf Schwedisch heißt, gilt als Teil des öffentlichen Nahverkehrs.

An Wochentagen wie an den Wochenende fahren die Einwohner von Helsinki zu den vier Insel hinaus, die auch von knapp 1000 Menschen bewohnt werden. Brücken verbinden die Inseln untereinander. Aller halben Stunde entlässt ein Schiff hunderte Menschen mit Kind und Kegel auf die Inseln. Die einen zieht es zielstrebig auf die Wiesen, wo sie ihre Decken und Picknickkörbe auspacken, die anderen besichtigen die Befestigungsanlagen und die zu Wohnhäusern umgebauten Kasernengebäude. Einige Wagemutige gehen an den kleinen Stränden baden. Es gibt Restaurants und Cafés, ein Museum, eine Kirche, die extremem Wandel unterworfen war. Gebaut als russisch-orthodoxe Garnisionskirche, wurde sie nach der Unabhängigkeit Finnlands 1918 umgebaut, verlor ihre orthodoxe Kuppel. Dafür stehen heute Kanonenrohre aufrecht vor der Kirche, untereinander mit schweren Ketten verbunden.

Die Sveaborg wurde von den Schweden befestigt als Bollwerk gegen die Russen. Die wiederum bauten nach der Besetzung Finnlands vor 200 Jahren daran weiter, 1918 übernahmen die Finnen die Anlage. Nach und nach verlor sie ihre militärische Bedeutung, aber erst in den 1970er Jahren wurde sie aus der Verantwortung des finnischen Verteidigungsministeriums entlassen. (siehe Wikipedia)

Auf jeden Fall ist Suomenlinna einen Ausflug wert. Wegen der felsigen Ufer, wegen des Blickes auf den Hafen von Helsinki mit der alles überragenden Domkirche und wegen eines ganz besonderen Schauspiels. Direkt neben Suomenlinna zwängen sich riesige Fähren zum Beispiel auf dem Weg nach Tallin durch die Schärenlandschaft. Vom Zentrum der Insel aus betrachtet scheinen sie direkt über Land zu fahren.